Die New-Work-Lüge
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Die New-Work-Lüge

Viel Selbstbeweihräucherung, wenig Substanz

Es wird seit längerem eine neue Sau durchs Dorf getrieben: New Work heißt sie – Liebling aller Kreativen und Evangelisten in Marketing, Digital Offices oder Human Resources. Ganz ehrlich, ich kann die sozialromantische Beweihräucherung selbsternannter New Worker*innen auf Digital Konferenzen oft nicht mehr hören. In immer gleich besetzten Panels, Vorträgen, Bootcamps oder Retreats wird „New Work“ rund um den Globus gefeiert und „Old Work“ bekämpft. Was wechselt, sind die Events, was bleibt ist das Missionarische. Und oft die inhaltliche Leere.

Ich beschäftige mit seit Ende der 90er Jahre mit Neuer Arbeit, damals hieß es noch nicht New Work. Gemeint ist das System Arbeit neu zu Denken – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das New Work häufig falsch verstanden wird, hat drei wesentliche Gründe:

 

  1. Ausbeutung statt Gegenmodell zum kapitalistischen ManagementDen Begriff und eine eindeutige Definition der „Neuen Arbeit“ gibt es schon seit Mitte der 1970er-Jahre. Der Philosoph und Anthropologe Frithjof Bergmann entwickelte vor rund vier Jahrzehnten eine Vision für neue Arbeit – und prägte damit den Begriff New Work als Gegenmodell zum kapitalistisch geprägten Arbeitsmodell. An der heutigen New-Work-Debatte übt er harte Kritik, weil es ihm um ein grundlegend anderes Verhältnis zur Arbeit ging. Vielen Unternehmen sehen in New Work aber Methoden, Angestellte raffinierter zu domestizieren und auszubeuten
  2. Obstkorb statt UmdenkenEs reicht nicht aus, nur in neue Büroausstattungen, Feel-Good-Management, frische Obstkörbe, Yogakurse und Corporate-Sneaker-Kollektionen zu investieren. New Work bedeutet, das System Arbeit anders zu denken und zu gestalten. Ein wesentliches Element in Bergmanns Ansatz: Mitarbeiter sollen das machen, was sie „wirklich, wirklich wollen“ – die Arbeit, in der große Leidenschaft und „Purpose“ stecken. Zum individuellen Wohl, für das Unternehmen und die Gesellschaft. Viele Chefs kümmern sich aber nur um die „Verpackung“ der Arbeit und um ein paar Goodies für die Mitarbeiter. Das ist zu wenig!
  3. Umstrukturierung statt Erneuerung Bergmann geht es um grundlegende Dinge; darum, dass Menschen sich nicht ausschließlich in Lohnarbeit erschöpfen, zu der sie keinen Bezug haben. Doch New Work in den meisten Unternehmen bedeutet: altbekannte Re- oder Umstrukturierung der Organisation und Führung, jetzt mit New-Work-Anmutung, weil es sich so besser verkaufen lässt. Man will cool sein gegenüber der Gen Y oder Z und attraktiv für Start-ups, die New Work leben. Was Bergmann kritisiert, erlebe ich in den vergangenen acht bis zehn Jahren regelmäßig: Sehr geschickt bauen Unternehmen Strategien auf, um sich mit New-Work-Aspekten wie Achtsamkeit und Selbstorganisation nach außen zu brüsten. Oder es werden aus Profitstreben in globalen Beratungshäusern neue Söldnertruppen aufgebaut, die sich jetzt um „Purpose“ kümmern, was so viel heißt wie um den Sinn und Zweck von Arbeit. Auch wenn „Purpose“ die neue Cash Cow zu sein scheint, eine echte Systemveränderung findet meist nicht statt. Das Business Modell von Beratungen ist einfach und unverändert – viele Manntage verkaufen, ob zu New Work oder zu Purpose. Die Dinge selbst zu leben, zu verinnerlichen und in der DNA zu verankern geht meist nicht damit einher.

Was wir wirklich brauchen, ist einen Hack des Systems Arbeit und keine CEOs mit roten Turnschuhen. Das Gute an der New-Work-Bewegung ist ja, dass sie Bestehendes infrage stellt, radikal verändern will. Es gibt sie durchaus, die echten „Work Hacker.“ Apple-Genie Steve Jobs hat sie einmal treffend beschrieben:

„Dies geht an die Verrückten, die Unangepassten, die Rebellen, die Unruhestifter, die runden Stifte in den quadratischen Löchern, diejenigen, die die Dinge anders sehen – sie mögen keine Regeln. Du kannst sie zitieren, eine andere Meinung haben als sie, sie glorifizieren oder verdammen. Aber das einzige, was du nicht machen kannst, ist sie zu ignorieren. Denn sie verändern die Dinge. Sie bringen die Menschheit voran und während einige sie als die Verrückten sehen mögen, sehen wir ihr Genie. Denn diejenigen, die verrückt genug sind zu denken, dass sie die Welt verändern könnten, sind diejenigen, die es tun.“

Fritjof Bergmann bewertet in einem großen Handelsblatt Special im August 2019 zur „New Work Illusion“ den Stand der Dinge in Deutschland wie folgt: „Soweit ich weiß, wird in keinem deutschen Betrieb das, was ich die Neue Arbeit nenne, wirklich durchgeführt. Oftmals ist es nur Stückwerk und nicht vollkommen durchdacht. Was mich an Deutschland ärgert: Neue Arbeit wird von allen Dächern gepfiffen, aber es ist nicht die Neue Arbeit, sondern nur eine etwas sympathischer angehauchte Form der Lohnarbeit. Man versucht nicht wirklich, die Neue Arbeit einzuführen. Deutschland braucht die Neue Arbeit aber unbedingt. Nur dann kann es seinen Status als führende Wirtschaftsnation behalten.“

Wo also finden wir die echten New-Work-Erfolgsgeschichten? Wo sind die Systemveränderer für besseres Wirtschaften? Wo trennt sich die Spreu vom Weizen zwischen ernsthaftem Purpose und Oberflächenkosmetik?

Ich bin sicher, auf dem HR Inside Summit in Wien finden wir Antworten dazu. Stephan wird uns mit seiner Key Note und Session HR als Treiber von Purpose Business“ mit in das Thema nehmen.

Über den Autor:

Stephan Grabmeier zählt zu den führenden Thought Leadern für New Work, Innovation, sowie Sustainable- und Digital Transformation. Seit über 25 Jahren ist Grabmeier in Management Rollen entweder in großen Konzernen, in digitalen Grown Ups oder in Beratungsunternehmen, zuletzt als Chief Innovation Officer bei Kienbaum Management Consultants tätig. Zu seinen Kunden zählt die deutsche Wirtschaftselite, darunter viele Vorstände und das Top Management namhafter Unternehmen. Er ist Start Up Business Angel und unterstützt zudem globale Social Business Aktivitäten.

One Comment

    • Wolfgang
    • 18. September 2019

    Hallo Stephan!

    Dein einleitender Kommentar „Viel Selbstbeweihräucherung, wenig Substanz“ hat mich zum Weiterlesen animiert.

    Ich selbst erlebte Herrn Bergmann vor 20 Jahren in einer Vorlesung und kenne seine Denkweise. Über die Umsetzbarkeit innerhalb kapitalistischer und mittlerweile globaler Systeme kann man sicherlich angeregt diskutieren.

    Was ich aber im ganzen Beitrag vermisse sind deine eigenen Zugänge und die Adaption in die Gegenwart. Insgesamt versuchst du also die Bergmann-NewWorkSau mit deinem Namen durchs Dorf zu treiben. Ziemlich simpel aber es zieht offensichtlich.

    Grüße
    Wolfgang

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